1919 – 1934 Spätwerk

Pastelle

1919 trat Hölzel 66jährig seinen Ruhestand an und entwickelte im Atelier des Wohnhauses in Degerloch ein faszinierendes, außergewöhnlich leuchtendes und farbintensives Pastellwerk. Der samtige Oberflächencharakter und die starke Leuchtkraft der Pastellkreiden bot sich geradezu an, um seine auf Musikalität, Harmonie, Gesetzmäßigkeit und Empfindung beruhende Lehre vom Primat der künstlerischen Mittel, die Absolutmalerei ohne gegenständliches Programm, zu verwirklichen.

Große Abstraktion – 1916

Stilistisch knüpfte Hölzel mit seinen Pastellen an die um 1914 bis 1918 entstandenen, kubistisch-prismatisch geprägten Ölgemälde an. Waren dort die Komposition eher kompakt und tektonisch gegliedert, so lockerte er nun in den Pastellbildern die Oberflächen auf, indem er sie durch Spiral- und Kreisbewegungen rhythmisierte und mit kleinen weißen splittrigen Einschüben beleuchtete. Dabei kam ihm die spezielle Qualität der Pastelltechnik entgegen, welche es ermöglichte, unendlich lange Striche zu ziehen, spontan und verdichtend zu arbeiten, ohne den Trocknungsvorgang von Öl- oder Aquarellfarbe abwarten zu müssen.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Hölzels Pastellwerk hatten die von ihm zwischen 1914 bis 1918 gestalteten, nahezu abstrakten Glasfenster für den Sitzungssaal der Keksfabrik Bahlsen in Hannover. Die in den drei Fenstern rhythmisch-musikalisch nach oben strebende, intensive Farbstrahlung wird vom Cloisonnismus der dunklen Bleiruten und von der Lichtführung stark akzentuiert. Der überwältigende Nuancenreichtum dieser Farbklänge resultiert aus einem komplexen System von Überflutungen. Diese gehen von drei so genannten Mutterscheiben in Blau, Rot und Gelb aus und lassen vielfältige Abstufungen der Primär- Sekundär- und Tertiärfarben harmonisch bildhaft werden. So entstand eine einzigartige mystische, immaterielle Farb-Lichtstimmung.

Dynamische Kreisrhythmen – 1930

Hölzel übertrug die spezifischen Gestaltungselemente der Glaskunst auf viele seiner Pastelle: den Cloisonnismus, den speziellen Einsatz nuancenreicher Farbklänge und die entmaterialisierende Lichtführung. Er erzielte damit feierliche, musikalisch anmutende Kompositionen, rhythmisiert von leuchtendem Licht, geprägt von der Leichtigkeit und Transparenz nach oben schwebender Farbklänge. Während er manche dieser Kompositionen ganz abstrakt gestaltete, erscheinen in anderen Anklänge an Figürliches und Landschaftliches – eine bewusste Mehrgleisigkeit des Schaffens, welche sein gesamtes Werk durchzieht.

Farbkomposition (Biblische Szene: Am Ölberg) – um 1930

Seine bevorzugten Motive waren nun, neben kaleidoskopischen Themen, der Kreis und das Oval in zahlreichen Variationen. In manchen Pastellen schieben sich viele Kreise unterschiedlicher Größen über- und ineinander, so dass das Bild durch vielschichtige Spiralbewegungen äußerst dynamisch, lebendig, aber dennoch harmonisch erscheint. Die Schaffung von Spannung und deren harmonisierende Auflösung ist ein Grundprinzip im Schaffen Hölzels, das in den meisten seiner Werke realisiert ist. So auch in den Kompositionen, in welchen ein einzelner Kreis in der Mittelachse der Komposition lagert, Figuren umschließt und wie ein Symbol der Geborgenheit des Menschen in Natur und Kosmos wirkt.

„Es handelt sich um Zuneigungsfigurationen, die thematisch verdeutlichen, wie jedes Einzelne sich einem Anderen zuneigt und dadurch mit allem in harmonischer, respektvoller Wechselbeziehung steht.“ So deutet Daniel Spanke überzeugend den ethischen Gehalt der Kreiskompositionen Hölzels. Für diese Interpretation spricht auch die spirituelle Stimmung, welche von diesen Pastellen ausgeht. Der Betrachter begegnet in ihnen einer Atmosphäre wie sie in gotischen Anbetungsbildern anzutreffen ist: sie strahlen Transzendenz, Verinnerlichung und eine dem Menschen zugewandte Botschaft aus.

Experimentelle Zeichnungen

Eine weitere wichtige  Werkgruppe in Hölzels später Schaffensphase bilden die experimentellen, kleinformatigen Zeichnungen, ausgeführt in Graphit, Tinte, Quellstift oder Buntstift. Auf bereits bedruckten oder beschriebenen Papieren schuf er außergewöhnlich freie Kompositionen. Manche Blätter gestaltete er gegenständlich, andere abstrakt, und viele sind im unendlich vielfältigen Zwischenbereich beider Positionen anzusiedeln. Oft führte Hölzel die vorgefundene Schrift in seinen Kompositionen weiter fort und kommentierte damit assoziativ, humorvoll, nahezu dadaistisch die phantasievollen Darstellungen. Sein Zeichen- und Schreibstil mutet dabei sehr spontan und gestisch an, so dass er entwicklungsgeschichtlich in der Nähe des Informel einzustufen ist. In dieser Arbeitsweise zeigt sich nicht nur Hölzels freiheitliches Denken und Arbeiten, sondern auch seine Modernität und Innovationskraft.

Glasfenster

Hölzels bereits zwischen 1914 und 1918 entstandene Glasbilder für die Bahlsen-Werke hatten einen nachhaltigen Einfluss auf sein Pastellwerk. Als er in den letzten Schaffensjahren erneut Aufträge für verschiedene Glasfensterzyklen erhielt, führte er die Entwürfe dazu in der Pastelltechnik aus. In der Folge setzte eine wechselseitige, sehr fruchtbare Beeinflussung beider Techniken in motivischer und stilistischer Hinsicht ein.

Von 1928 bis 1929 schuf Hölzel die Glasfenster für das Stuttgarter Rathaus, von 1932 bis 1933 den Fensterzyklus für die Pelikan-Werke in Hannover und von 1933 bis 1934 entstand ein Einzelfenster für das Treppenhaus der Firma Maercklin in Stuttgart.

Glasfenster-Entwurf Nr. 14

Die nur fragmentarisch erhaltenen drei Rathausfenster (2,75 x 2,1 m, Standort: Landesmuseum Württemberg, Stuttgart) gestaltete Hölzel, bis auf wenige figürliche Anklänge, weitgehend abstrakt. Sie faszinieren den Betrachter durch die klare, leuchtende Farbigkeit und Brillanz, welche zusätzlich durch die tektonische Strenge der von dunklen Bleiruten konturierten Kreis- und Dreiecksformen gesteigert wird. Zahlreiche spitzwinklige Dreiecke deuten zudem eine rhythmisch-musikalische Aufwärtsbewegung an. Den kraftvollen Dur-Dreiklang von Rot, Blau und Gelb harmonisierte er durch leuchtende Weißanteile und Komplementärkontraste  – so entstand ein ausgewogener Farb- und Formklang, welcher die unterschiedlichen Fensterformen und Darstellungen zusammenfasst und als Einheit erscheinen lässt.

Die aus 112 gleich großen Einzelscheiben (50 x 30,5 cm) bestehenden beiden Fenster (5 x 2,5 m) für den Konferenzsaal der Pelikan-Werke wurden leider, bis auf 8 erhaltene Teile, im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1963 fertigte die Firma Saile Repliken in veränderter Form von nur 55 Einzelscheiben an (Standort: Konferenzsaal, Pelikan-Werke, Hannover). Auf jeder der juwelhaft funkelnden Scheiben findet sich die Symbolform des Kreises oder Ovales, mit eingefügten Figurationen. In sehr moderner Weise begegnet nun dem Betrachter das für Hölzel so typische Motiv der im Kosmos beschützten Kreatur: nämlich seriell, in horizontaler und vertikaler Reihung. Dadurch wird die ethische Aussage dieses Geborgenheitsmotives vervielfältigt und akzentuiert. Zudem tritt durch die dynamische Augenführung eine zusammenfassende Rhythmisierung ein, so dass alle Fenster als Gesamtes wahrnehmbar werden.

Adolf Hölzel gelang es in seinem herausragenden Spätwerk sein um 1905 begonnenes abstraktes Arbeiten, die Autonomie der künstlerischen Mittel, mit Pastellen, experimentellen Zeichnungen und Glasfenstern, im Sinne der Absolutmalerei, zum Zenit zu führen. Zudem vermitteln uns seine Kreiskompositionen und Zuneigungsfigurationen – wohl unbewusst aus dem Seelischen des Künstlers kommend – eine ethische Botschaft: die Menschheit und alle Kreatur könnten in der Natur, im Kosmos umfassend geborgen sein – ein hoffnungsvolles Zeichen, ein visionäres Ziel.

Regine Nothacker, M.A.

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