1887 – 1905 Dachau

Selbstportrait –  vor 1887

Wenn es eine Schaffensperiode im Werk von Adolf Hölzel gibt, in der er erstmals ganz wesentliche theoretische Gedanken zu Papier bringt und werkgeschichtlich wichtige Bilder schafft, dann ist es sein Aufenthalt in Dachau (nordwestlich von München), wo er zwischen 1887 und 1905 als Maler, Grafiker, Theoretiker und Pädagoge wirkt. Hölzel erlebt in diesem idyllischen Marktflecken mit über 150 Gemälden eine äußerst produktive Werkphase, in der sich die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen seines Stils zwischen Naturalismus, Impressionismus, Jugendstil und angehender Abstraktion manifestiert.

Blick durch Geäst – Skizzenbuch 1897 

Das Dachauer Moos lockt bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Künstler in die malerische Moorlandschaft. Sie erproben hier nach dem Vorbild ihrer französischen Kollegen um Barbizon die Freilichtmalerei. Auch Hölzel streift mit Staffelei und Malerutensilien durch die Natur, um zu zeichnen und zu malen. In seinen Skizzenbüchern hält der Österreicher tagebuchartig die Morphologie der abwechslungsreichen Dachauer Landschaft in subtiler impressionistischer Sprache fest. Sie sind wichtige Quellen, weil sie neben Beschreibungen und Landschaftsskizzen auch technische Anleitungen zum Malen und Zeichnen enthalten, kunsthistorische Reisen registrieren und die Verkaufswerte seiner Gemälde mit Originaltiteln auflisten.

Dachauer Bauernmädchen – 1899

In seinen Gemälden (u.a. Dachauer Kommunionmädchen, Hausandacht, Wilderer, Mäherinnen, Kirchgang) gehen zunächst Figur und Landschaft eine religiöse und soziale Verbindung ein, während bei dem mehrfach im Kunstpalast München ausgestellten Zyklus Der Zeiten Wiederkehr die Figur als kompositorisches Mittel im Vordergrund steht. Erst nach 1891 erlangt die reine Landschaft immer mehr an Bedeutung. Im gemeinsamen Austausch mit seinen Künstlerfreunden Ludwig Dill und Arthur Langhammer entwickelt er ab 1896 den so genannten „Neu-Dachauer-Stil“, dessen frühe Verbreitung der 1905 erschienenen Publikation „Neu-Dachau“ des Wiener Kunstschriftstellers Arthur Roessler zu verdanken ist. Dieser besondere Stil zeichnet sich aus durch gedämpfte Farben vornehmlich in grünen und braunen Tönen, in der Anwendung des „Goldenen Schnitts“ als harmonisch kompositorisches Mittel und durch Ornamentalisierung des Gegenstandes.

Stil ist eine formvollendete Ausdrucksweise – 1889

In der Grafik drängt Hölzel neben akademischen Studien und japanischen Figuren zu abstrahierenden Naturskizzen. Besonders zwischen 1895 und 1899 findet die Zeichnung im Zuge des Neu-Dachauer-Stils eine lineare Betonung, übrigens auch in der Signatur, die ab 1899 mit wenigen Ausnahmen auf seinen Bildern in Versalien als HOELZEL erscheint. Mit Stift, Feder oder Pinsel setzt zudem Hölzel „tausend Striche“ als tägliche Übung. Sein Ziel ist es, eine Synthese aus handwerklichem Können und geistiger Bildfindung zu erlangen. Auf diese Weise entstehen Zeichnungen als vignettenhafte Gebilde, die formal dem technisch aufwendigen Ornament des Jugendstils ähnlich sind, die an den Buchschmuck im „Ver Sacrum“, der Kunstzeitschrift der Wiener Secession, deren Mitglied Hölzel ist. Diese in der Form komprimierten „Abstrakten Ornamente“, die Arthur Roessler 1903 in einem Artikel der Wiener Abendpost erstmals thematisiert und dann zwei Jahre später in seinem Buch „Neu-Dachau“ publiziert, sind Hölzels erste Errungenschaften auf dem Weg zur Abstraktion.

Birken im Moos –  1902

Mit zwei theoretischen Abhandlungen begründet Hölzel in Dachau seine abstrakte Kunstanschauung. In seinem Aufsatz „Über Formen und Massenvertheilung im Bilde“, den er 1901 in der Zeitschrift „Ver Sacrum“ publiziert, geht er auf die formalen Grundlagen der Malerei ein, in dem er die Wirkung von Punkten an verschiedene Stellen der Bildfläche in ihrem Verhältnis zueinander diskutiert. Entscheidende Grundlage für seine später in Stuttgart strukturierte und systematisierte Farblehre mit chromatischem Farbkreis bildet seine zweite Schrift „Über künstlerische Ausdrucksmittel und deren Verhältnis zu Natur und Bild“, die 1904 in dem Organ „Die Kunst für Alle“ erscheint. Zahlreiche Schüler kommen nach Dachau, um von ihm als geschätztem Pädagogen die Grundlagen seiner theoretischen Untersuchungen zu erlernen.

Frühlingslandschaft – 1904

So experimentiert der Lehrer mit seinen Schülern in Variationen, wie sich die Bildwirkung durch Wechsel von Raum und Fläche, Farbe und Form verändert. Hierzu benutzt er geschwärztes Glas, um die Flächenhaftigkeit der Naturformen besser erfassen zu können. Die Zwischenräume setzt er gezielt als eigenständige Formen ein, durch den Helldunkelkontrast werden die Flächen voneinander abgehoben. Hölzels forschende Methode in der künstlerischen Arbeit nähert sich der zeitgenössischen einflussreichen naturwissenschaftlichen Untersuchung des Physikers Hermann von Helmholtz (1821-1894), die Naturgesetze mithilfe von Experimenten zu ergründen.

Capodistria – 1905

In der Spätphase der Dachauer Zeit emanzipiert sich Hölzel von seiner Malerei in vornehmlich grünen und braunen Tönen, indem er im ausgewogenen Licht- und Schattenspiel eine Straßenszene in Capodistria aus ockerfarbenen und blauen Strichen inszeniert, das in der farbmystischen Wirkung einzigartig in seinen bisherigen Landschaften ist. Eine Auflockerung der Handschrift im Sinne des Neoimpressionismus ist eine vorübergehende Erscheinung. In der Werkgruppe des Dachauer Mooses um 1905 kehrt Hölzel zum festen Umriss und kompakter Fläche zurück. Die Wirksamkeit dieser Bildgruppe bis in das Spätwerk wird durch die Kreiskomposition deutlich, die als Basis für die organische Verschmelzung größerer und kleinerer Formen auf der Bildfläche dient.

Komposition in Rot I – 1905

Bevor Hölzel als mittlerweile 52-jähriger Künstler Ende 1905 Dachau in Richtung Stuttgart verlässt, soll sich auf seiner Staffelei im Entwurfsstadium seine berühmte Komposition in Rot I befunden haben. Mit der Bildaufteilung in verschiedenen Flächen, die mit gleicher Farbe in unterschiedlichen Abstufungen gefüllt werden, stimmt der künftige Akademieprofessor mit der Abstraktion ein völlig neues Thema an, dem er sich eigentlich erst in Stuttgart ab 1913 widmen wird.

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Dr. Gerhard Leistner, Kunstforum Ostdeutsche Galerie

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