Hölzel als Lehrer

„Lehren heisst, sich in einen Anderen hineinleben und denken und ihm Sachen sagen, die ihm fehlen, gerade ihm und sie ihm so zu sagen, dass er davon einen Nutzen hat. Es ist eine grosse und schwere Arbeit die viel Wissen Können Erfahrung und Liebe fordert.“

Emil Hansen (Nolde) – Schmuckblatt – 1899

 

Ohne Frage: Adolf Hölzel war einer der, wenn nicht der einflussreichste deutsche Kunstpädagoge überhaupt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Davon zeugt eine beeindruckende Liste von Schülern, die später selbst erfolgreich als Künstler tätig waren, wie etwa Oskar Schlemmer, Willi Baumeister, Ida Kerkovius, Max Ackermann, William Straube um nur einige zu erwähnen.

Bereits in seiner Dachauer Zeit, in der Hölzel 1892 eine private Malschule gegründet hatte, strahlte sein Ruf als Lehrer weit über die Grenzen Bayerns hinaus und zog Schüler aus verschiedenen Ländern Europas an, unter anderem auch Emil Hansen, der sich später Emil Nolde nennen sollte.

Hölzels Anziehungskraft als Pädagoge erstarkte eher noch, nachdem er 1906 seine Tätigkeit an der Königlich Württembergischen Kunstakademie als Leiter einer Komponierklasse aufgenommen hatte.

Hölzel und seine Schüler, Foto um 1914

Zu Fuß machte sich im Herbst 1913 beispielsweise ein junger Schweizer Kunststudent von Basel auf den Weg nach Stuttgart, um bei Hölzel Unterrichtet zu nehmen. Sein Name: Johannes Itten.

Ausnahmslos alle Schüler äußern sich hochachtungsvoll und voller Dankbarkeit über den Unterricht bei ihrem „Meister“. Hölzel war ein herausragender Lehrer, der, wie das obige Zitat eindrucksvoll belegt, von hohen pädagogischen Idealen beseelt war. Die persönlichen künstlerischen Eigenheiten seiner Schüler akzeptierte er ohne Einschränkung, auch wenn sie seiner eigenen Kunstanschauung nicht entsprachen. In begonnene Arbeiten korrigierte er nicht hinein. Selbst formuliert er das in einem Aphorismus, so:

„Wird ein Bild durch vieles Corrigieren besser? Selten! Meistens stirbt es langsam. Das ist ein schlechter Freund und Lehrer der die Bilder tötet. Hat man viel zu corrigieren, so ist´s ein Zeichen, dass der Unterricht in diesem Sinne schlecht war.[…]“

Farbkreise (Vorlesungsmitschrift Luise Deicher)


Selbstlos gab Hölzel Großaufträge zu Wandbildgestaltungen an seine Schüler weiter: so die Ausmalung der Festsaales in den Pfullinger Hallen oder den für die Arkadenvorhalle der deutschen Werkbundausstellung 1914 in Köln. Die Bilder schufen Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und der hoch talentierte Hermann Stenner, der leider 23jährig im Ersten Weltkrieg fiel. Bei diesen Aufträgen verstand sich Hölzel als eine Art Regisseur oder Kapellmeister, der seine Schüler anleitete und der dafür sorgte, dass die unterschiedlichen Werke zu einer harmonischen Einheit kamen.

Neben seinen einmaligen menschlichen Qualitäten war es vor allem die stringente gut rezipierbare Kunsttheorie, die die Schüler anzog.

Am Anfang seines Unterrichts stand jeweils ein einführender Grundkurs, in dem Hölzel seine Lehre von den Gesetzmäßigkeiten und Wirkmechanismen der künstlerischen Mittel darlegte. Wie die ca. ein Dutzend erhaltene Mitschriften von Schülern belegen, begann Hölzel dabei stets mit Ausführungen über Linie, Form und den Helldunkel-Kontrasten. Die Farblehre, als die seiner Meinung nach schwierigste Materie, bildete das abschließende Kapitel dieser Einführung. In seinem Unterricht versuchte er dieses komplexe Gebiet zu systematisieren und in gut rezipierbare Regeln zu fassen, um den Schülern für ihre spätere Tätigkeit das nötige Rüstzeug an die Hand zu geben. Grundpfeiler dieser in wesentlichen Teilen bereits in Dachau entwickelten Farbenlehre bildeten die sieben Farbkontraste und ein System von Farbkreisen, mit Hilfe derer der Schüler leicht harmonische Farbzusammenstellungen finden konnte.

Luise Deicher – Abstrakte Farbkombinationen

Die Tragfähigkeit dieses Konzepts zeigt sich daran, dass Hölzels Schüler, wenn sie selbst wieder kunstpädagogische wirkten insbesondere die Farbenlehre Hölzels in leicht modifizierter Form ihren Schülern vermittelten. Prominentestes Beispiel dafür ist sicherlich Johannes Itten am Weimarer Bauhaus, dessen Farbenlehre in wesentlichen Teilen auf Hölzel zurückgeht. Ebenso verrät das Konzept des Vorkurses am Bauhaus den Einfluss Hölzels. Dieser trat bereits 1917 als Direktor der Stuttgarter Akademie für einen gemeinsamen Vorkurs an Kunstgewerbeschulen und Akademien ein. Bei den staatlichen Stellen und von den konservativen Kollegen der Akademie stießen diese Vorschläge auf strikte Ablehnung. Das war unter anderem ein Grund dafür, dass Hölzel 1918 zermürbt von den ständigen Kämpfen und Anfeindungen um seine Entlassung in den Ruhestand bat. Diese Entscheidung kommentierte er mit den Worten „Staat und Stadt, die haben mich beide umgebracht. Sonst wär es ganz gut [ein] paar Jahre länger gegangen.“

A. L. Schmitt – Farbdreiklang aus dem Unterricht

Neben Itten ist der Stuttgarter Künstler August Ludwig Schmitt zu erwähnen, der 1927 in Stuttgart die „Freie Kunstschule“ gründete, in der Hölzel selbst noch Vorlesungen hielt.  Des weiteren Max Ackermann, der in der Stuttgarter Volkshochschule in den 30er Jahren ein „Seminar für absolute Malerei“ gegründet hatte, das ebenfalls stark von den Hölzelschen Lehren geprägt war. Willi Baumeisters für die Kunst der Nachkriegszeit so wichtige Buch „Das Unbekannte in der Kunst“ von 1947 verrät in weiten Teilen Hölzels Einfluss. Zu nennen sind auch Carie van Biema, die 1930 ein aufwändig gestaltetes Lehrbuch mit dem Titel „Farben und Formen als lebendige Kräfte“ herausgab, das allerdings bei Hölzel aufgrund seines Schematismus eher auf Ablehnung stieß. Und nicht unerwähnt bleiben soll auch der Hölzel- und Ittenschüler Vincent Weber, der als langjähriger Professor an der Wiesbadener Werkkunstschule den Unterricht dort wesentlich prägte.

Anzeige der Freien Kunstschule Stuttgart – 1927

Und noch über 60 Jahre nach Hölzels Tod erschien 1995 eine didaktische Farbenlehre mit dem Titel „Farbgestaltung dargestellt an Beispielen aus der Farbenlehre von Adolf Hölzel (1853-1934). Vor allen Dingen durch die Vermittlung seitens seiner Schüler entfaltete Hölzels Lehre im Kunstunterricht sozusagen subkutan unter der Oberfläche im 20. Jahrhundert eine umfassende Wirkung. Eine Tatsache, die einmal mehr die große, noch immer unterbewertete Bedeutung Hölzels für die Kunst Moderne unterstreicht.

(Ulrich Röthke)

(Alle angeführten Hölzel-Zitate stammen von Schriftblättern aus dem Nachlass)

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